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Wo wir waren: Angoulême 2011

Jedes Jahr findet das Comicfestival Angoulême am letzten Wochenende im Januar statt. Reprodukt war dabei, sogar mit einem eigenen Stand im Zelt für Lizenzverhandlungen. Und wie verhandelt wurde! Die neuesten, heißen Deals gibt es natürlich bald an dieser Stelle zu lesen.

Erster internationaler Treffpunkt wie immer ist der Bahnhof am Flughafen Charles de Gaulle. Noch sind die Deutschen unter sich. (Von links) Neben Arne Bellstorf und Dirk Rehm feiern Ralf Keiser, Christiane Bartelsen und Ex-Carlsen-Redakteur Michael Groenewald ihr Wiedersehen. Sabine Witkowski und Ulli Lust tuscheln.

Team America ist auch schon da: Dash Shaw, Tom Devlin (Drawn & Quarterly) und Marc Bell.

Die angenehmeren Tage für Festivalbesucher sind sicher der Donnerstag und der Freitag. Zwar werden Busladungen von Schulklassen in das Stadtzentrum gekarrt und durch die dort aufgestellten Zelte gespült, die Menschenmenge bleibt jedoch im Vergleich zum Wochenende stets überschaubar. Das erste Foto zeigt einen Teil des ellenlangen Zelts der Independent-Verlage während einer ruhigen Minute.

Ein normales Bild im Zelt der Großverlage: Viele Leute, viele Rucksäcke! Und vor den Signiertischen die obligatorischen Schlangen aus Leuten und Taschen.

Am Stand von “The Treasure Fleet”: Die wunderbare Aisha Franz vor einigen Reprodukt-Titeln (darunter ihrem “Alien”) strahlt für zwei (mindestens). Die nicht weniger wunderbaren Paul Paetzel (“Orang” 9) und Till D. Thomas (“Zirp” und “Orang”) sorgen für mehr Glanz und für fachmännische Beratung.

So schick dekoriert! Und nebenan die Preisträger für den besten Alternativ-Comic 2010: “Special Comics” aus China mit Yan Cong (“Orang” 6). Links außen: Tom Devlin (Drawn & Quarterly) und Till D. Thomas im Gespräch.

Neben viel Wissenswertem über Comics aus Flandern erfuhr man auf der Paneldiskussion am Freitagmorgen im Zelt für Lizenzverhandlungen, dass es bessere Tageszeiten und öffentlichere Orte für solche Veranstaltungen gibt. Nichtsdestotrotz hatten die Teilnehmer Interessantes zu erzählen: (von links nach rechts) Olivier Schrauwen, Thomas Gabison von Actes Sud – der französische Verleger des inzwischen ausgezeichneten Brecht Evens – und Els Aerts vom Flämischen Literaturfonds. Letztere unterstützten auch unsere Ausgabe von “Am falschen Ort”. Ein großer Dank dafür!

Mit geradezu Mahlerschem Sprachwitz erklärte Olivier Schrauwen sein Schaffen. Woher die Inspiration stammt, seine Geschichten mit fast nostalgischem Stil-Pastiche so intelligent zu verschachteln? “I just steal mostly.”

Sein neuester Streich, “Der Mann, der seinen Bart wachsen ließ” (erscheint im Herbst bei Reprodukt), erhielt völlig zu Unrecht keine Auszeichnung.

Die Longlist, aus der die späteren Siegertitel gekürt wurden, lag zur öffentlichen Lektüre aus. Das Angebot wurde vielfach angenommen.

Darum geht es doch auf so einem Festival: Ums Lesen. Warum sich also nicht einmal mit einigen guten Schmökern zurückziehen… Ein nachahmenswertes Beispiel.

Und wenn man so unbedarft durch die Zelte marschiert, läuft man auch mal am Festivalpräsident Baru vorbei. Seine tollen Bücher erscheinen bei der Edition 52.

Eines der Festivalhighlights war die große Schau zum Werk Barus im CNBDI, wobei die verwinkelte Ausstellung erst nach und nach ihren wahren Umfang offenbarte. Schon bei Betreten der Halle wirkt die Ausstellung einladend. Für Staunen sorgte die Rückseite des vergrößerten Bildes zur Rechten.

Auf der Rückseite war nicht weniger als das komplette “Autoroute du soleil” (Edition Moderne, bzw. Carlsen) in Originalen zu bestaunen. Insgesamt trumpfte die Schau mit rund 500 Originalen auf. Dazu Videoprojektionen, Flipper, Kicker, Jukebox und vieles mehr, was die Nähe Barus zur französischen Arbeiterschicht illustrierte.

Ebenfalls dort zu sehen: Verwandte im Geiste, unter anderem Igort (im Vordergrund) sowie Manu Larcenet (hinten).

So bekam man dann auch eine Reihe von Originalen aus “Der alltägliche Kampf” zu sehen.

Der intuitive, lockere Strich – toll.

Ebenfalls zu sehen und ebenfalls sehr interessant: Eine Schau mit Werken von Dominique Goblet, deren “Faire semblant c’est mentir” (L’Association) in Deutschland noch auf Veröffentlichung wartet. Hier zwei Seiten aus einem Doppelporträtbuch, das sie gemeinsam mit ihrer Tochter geführt hat. Über Jahre haben beide sich hundertfach gegenseitig gezeichnet oder gemalt. Das dazugehörige Buch war ebenfalls für einen Preis nominiert.

In vielen Techniken zuhaus und nicht nur in der Vielfältigkeit beeindruckend.

Neben dem geistigen, gab es natürlich auch leibliches Futter. Filigranste Speisen landeten auf den Tellern. Gaumenverwöhnende Terrinen sowie zarte Entenleberlasagne und ausgewählte Käsesorten kitzelten die Geschmacksnerven. Aber Frankreich kann auch rustikal, wie diese Pizza (die in meterlänge serviert wird) eindrucksvoll demonstriert. Man reagiert mit Kapitulation und Vorfreude.

Danach obligatorisch: Das alljährliche Stelldichein der internationalen Gäste im Lokal Le chat noir. Michael Meier und Lisa Röper, unsere Hotelkollegen von Rotopolpress, schauten natürlich auch vorbei. Ein großer Dank noch einmal für das Kuchenpräsent (das nicht an diesem Ort übergeben wurde)!

Schweigend ins Gespräch vertieft: Michael Groenewald und Arne Bellstorf stoßen auf die nächsten verkauften Lizenzen an. “Baby’s in black – The Story of Astrid Kirchherr & Stuart Sutcliffe” war sehr gefragt. Ein Grund zum Feiern.

Ekstatisch ging es an anderer Stelle zu: Claire Thompson von Turnaround Publishing, Peggy Burns und Tom Devlin von Drawn & Quarterly sowie ein junger Mann von Nobrow Press stoßen an. Die Abende waren so lang wie die Tage zu kurz.

SO sieht übrigens ein Pressezentrum aus! Wir warten auf die vielfältige Berichterstattung der deutschen Fachpresse!

Der Beitrag wurde von Christian Maiwald am 31. Januar 2011 um 19:12 Uhr veröffentlicht.
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