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Reddition 57

Als passende Ergänzung zum vorhergehenden Blogbeitrag hier noch ein kurzer Ausschnitt aus einem Interview, das komplett in der kommenden “Reddition” 57 zum Thema L’Association abgedruckt wird, und das Jens R. Nielsen und Volker Hamann Ende September beim Comicfestival Hamburg mit mir geführt haben:

VH: Wie laufen denn Entscheidungsfindungsprozesse bei Reprodukt ab?

DR: Demokratisch – behaupte ich jetzt mal ganz frech, denn ich bin am Ende derjenige, der das letzte Wort hat, als derjenige, der für die Finanzen geradestehen muss. Aber vorher, vor jedem Frühjahrs- oder Herbstprogramm gibt es Programmrunden, auf denen jeder Titel einbringen kann, die er oder sie gerne machen würde.

Ein paar Titel stehen immer vorher schon fest, weil wir natürlich unsere schon veröffentlichten Autoren auch weiterhin fortsetzen wollen. Wenn also einer von denen etwas Neues herausgebracht hat, sind seine Titel quasi “gesetzt”. Und dann gibt es eben auch immer zwei oder drei neue Vorschläge, und derjenige, der diese Neuen vorgeschlagen hat, muss sie so lange verteidigen, bis auch die anderen sagen: “Ja, du hast recht, wir sollten diesen Titel realisieren.”

Also: Jeder kann vorschlagen, aber alle müssen die einmal getroffenen Entscheidungen mittragen – was manchmal gar nicht so einfach ist, schließlich bedeutet die Entscheidung für einen Autor immer auch, sich gegen einen oder mehrere andere zu entscheiden.

Obendrein betreffen unsere Entscheidungen nicht nur das gerade vorliegende Werk eines Autors, sondern wir diskutieren immer auch die Frage mit, ob der Autor als “Reprodukt-Autor” geeignet ist. Wie gesagt: Wen wir einmal verlegen, den wollen wir möglichst lange im Programm halten.

Diese Diskussionen sind oft anstrengend, sie sind aber auch notwendig, weil derjenige, der einen neuen Autor vorschlägt, diesen auch wird betreuen müssen. Das heißt: Der Vorschlagende sollte sich sicher sein, dass er sich mit dem Vorgeschlagenen auch weiterhin, vielleicht über Jahre hinweg, beschäftigen möchte. Der Vorschlagende muss auch in Zukunft für den Vorgeschlagenen einstehen.

JRN: Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, über die vorige Frage an Deine Qualitätskriterien heranzukommen. Du musst Dich ja als Verleger immer mal wieder vor Deine Autoren stellen, wenn Du sie zum Beispiel auf Veranstaltungen vorstellst oder gegenüber der Presse. Und wie Du gerade geschildert hast, musst Du dies bei Reprodukt sogar gegenüber den anderen Verlagsmitarbeitern tun. Du hast jetzt ein paar Namen genannt. Wie würdest Du das Besondere, das in Deinen Augen Bemerkenswerte dieser Zeichner in Worte fassen?

DR: Lass mich das lieber an einer unserer jüngeren Veröffentlichungen versuchen … Zuletzt vorgeschlagen habe ich… “El invierno del dibujante” ["Der Winter des Zeichners"] von Paco Roca. Das ist ein spanischer Zeichner, der uns von seinem Verleger, Laureano Dominguez von Astiberri Ediciones, seit Jahren angetragen worden ist. Paco Roca ist in Spanien schon länger sehr erfolgreich, vor allem mit “Arrugas”, einem Comic über Alzheimer, aber er schien mir, obwohl ich seine Inhalte immer schon interessant fand, stilistisch viel zu glatt zu sein. Roca habe ich also bereits seit Jahren beobachtet, aber erst jetzt, mit “El invierno del dibujante”, hat er, wie ich finde, seinen Stil so weit individualisiert, dass er für Reprodukt in Frage gekommen ist.

Und das Thema des Bandes ist natürlich unglaublich spannend – diese Rückschau auf die Geschichte spanischer Comics unter Franco… industriell arbeitende Zeichner in den 1950er Jahren, die in Anzügen zur Arbeit gehen und die versuchen, indem sie ein eigenes Magazin produzieren, aus der sie ausbeutenden Maschinerie auszubrechen, um Herren ihres Geistigen Eigentums zu werden.

Durch diesen Stoff ist “El invierno del dibujante”, wie ich finde, persönlicher geworden als “Arrugas”. Ich habe also einen persönlichen, angesichts des Kampfs ums Urheberrecht sogar aktuellen Stoff, einen individuellen Stil – und all das sind Argumente, mit denen ich begründen konnte, warum Reprodukt dieses Buch unbedingt machen sollte.

Ganz abgesehen davon, dass die Geschichte erlaubt, Parallelen zur Situation von Zeichnern im damaligen Deutschland zu ziehen, wenn ich zum Beispiel an die Rolf-Kauka-Mannschaft denke, über die ihr in der letzten “Reddition” geschrieben habt.

Der Beitrag wurde von Dirk Rehm am 13. November 2012 um 14:57 Uhr veröffentlicht.
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