Comiclesen als Abenteuer – Baru im Interview
Anlsääslich der Gesamtausgabe von “Die Sputnik-Jahre” hat Filip Kolek von Reprodukt mit Baru gesprochen. Der französische Comiczeichner über die Arbeiterschicht Lothringens, die Kraft des Erzählens in Bildern und den Rock‘n‘Roll:
In “Die Sputnik-Jahre” schicken Sie Ihre Leser auf eine Zeitreise nach Lothringen des Jahres 1957, ins Jahr des Sputnik-Satelliten und des Beginns der Raumfahrt. Warum haben Sie ausgerechnet dieses Jahr und dieses zentrale Ereignis für Ihre Geschichte ausgesucht?
Ich wollte ein Porträt der Arbeiterklasse zeichnen zum Zeitpunkt ihrer letzten Blüte, bevor alles, was ihre Stärke ausmachte, in sich zusammenfiel: Durch die Schließung der ersten Fabriken begann der Zerfall der Schwerindustrie. Die Zuspitzung des Kalten Krieges (bei der das Raumfahrtprogramm selbstverständlich eine Rolle gespielt hat) und die damit einhergehende Isolierung der Sowjetunion läutete das Ende der Kommunistischen Partei und des Klassenbewusstseins in Frankreich ein. Und noch einen dritten – allgemein gesellschaftlichen – Zusammenbruch habe ich zeigen wollen, der sich zu dieser Zeit ereignet hat: Das Ende des französischen Kolonialreichs mit dem Ausbruch des Algerienkriegs. Das Jahr des Sputniks war für die Arbeiterklasse eine Art Schonfrist. Ich wollte diesen letzten Augenblick festhalten, als die Arbeiter noch hoffnungsvoll in die Zukunft blickten.
Wie viel von Igor und seinen Freunden steckt in Ihnen und Ihren Kindheitserinnerungen? Sind das auch Ihre “Sputnik-Jahre”?
Natürlich steckt viel von meiner Kindheit und folglich auch von mir in dem Buch. Was das Verhältnis von Fakten und Erfundenem anbelangt, sagen wir, es steht fünfzig zu siebzig Prozent. In dem “wahren” Teil der Geschichte, den dreißig Prozent, finden sich Ereignisse, die ich selbst erlebt habe, und andere, von denen andere mir berichtet haben – wenn ich sie nicht selbst in der Presse gelesen habe.
Ich habe die Erinnerungen und Fakten zusammengetragen und dann die Leerstellen mit Erfundenem gefüllt. Folglich ist “Die Sputnik-Jahre” keine Autobiografie im eigentlichen Sinne. Ich lüge sehr viel. Jeder guter Erzähler ist auch ein guter Lügner. Es kommt nicht darauf an, Fakten runterzubeten, sondern in der Erzählung eine Wirklichkeit zu schaffen, die das wahre Gesicht unserer Welt zeigt. Das war und ist mein Anspruch ans Erzählen, seit ich vor dreißig Jahren mit dem Comiczeichnen anfing.
Während Igor und die Kinder aus Sainte Claire Krieg führen gegen die Jungs aus dem Nachbarort, fechten die Erwachsenen auch einen Kampf aus: Die Stahlhütten werden bestreikt, der wirtschaftliche Untergang von Lothringen hat begonnen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Als eine Katastrophe. Im Unterschied zu meinen Freunden, die nach der Schule in die Fabriken mussten, konnte ich weiter die Schule besuchen und später studieren. Ich war daher vom Ende der Schwerindustrie in meinem Tal nicht unmittelbar betroffen. Aber ich habe es als kulturelle und persönliche Katastrophe empfunden. Alles, was meine Persönlichkeit ausgemacht, meine Verbindung zur Welt geprägt hatte, verschwand direkt vor meinen Augen. Deswegen habe ich angefangen, Comics zu zeichnen, Comics, in denen die “Meinen” die Handlung bestimmen. Ich wollte den Menschen, die sonst keine Stimme haben, meine leihen, sie zu den Protagonisten machen.
Die Charaktere in Ihren Comics sind oft Außenseiter, Proletarier, Kleinkriminelle und andere durchs Raster Gefallene. Was fasziniert Sie so an diesen Figuren?
Es geht nicht um Faszination. Es geht darum, dass diese Menschen sonst komplett ignoriert und übersehen werden, besonders von Meinungsmachern aus der Welt der Kultur. Ich versuche, mit meinen Büchern in gewisser Art und Weise das Unrecht, das man diesen Menschen antut, ein wenig auszugleichen – sofern es überhaupt ausgeglichen werden kann.
Was macht für Sie den Reiz des Erzählmediums Comic aus?
Es sind die Bilder. Weil sie nicht rein rational erfahrbar, sondern auch emotionale Erfahrungen sind, mit denen man den Lesern einen größeren Zugang zu seiner Erzählung ermöglichen kann als nur mit Wörtern – egal wie komplex diese auch sind. Einen Comic zu lesen ist ein pures Abenteuer, das Körper und Geist anspricht und fordert – in dieser Hinsicht sind Comics der Musik des Rock‘n‘Roll sehr ähnlich.
2010 wurden Sie mit dem “Grand Prix de la Ville d’Angoulême”, der höchsten Auszeichnung des Europäischen Comics, ausgezeichnet. Was war das für ein Gefühl?
Wissen Sie, schon seit einigen Jahren war mein Name für den “Großen Preis” und damit die künstlerische Leitung des Festivals im Folgejahr im Gespräch. Und als es dann endlich so weit war, war es keine wirkliche Überraschung mehr. Aber als es dann losging, hatte ich dennoch eine wunderbare Zeit.
Was sind Ihre nächsten Projekte?
Für Casterman adaptiere ich gerade einen Roman von Jean Vautrin, “Canicule” (1984 von Yves Boisset als “Dog Day – Ein Mann rennt um sein Leben” verfilmt), ein Buch, dessen Handlung in den 70er Jahren angesiedelt ist. Es ist die Geschichte eines amerikanischen Verbrechers, der in Frankreich von Polizei und Gangstern aufs Kreuz gelegt wird und in einem brutalen Showdown viele Leute mit in den Tod reißt. Ich habe versucht den Stoff leichter und auch etwas komischer als das Original umzusetzen. Ich hoffe, dass mir das gelungen ist, denn die Romanvorlage ist voller Zorn und brutaler Gewalt. Jean Vautrin ist an der Menschheit verzweifelt. Ich habe noch ein wenig Hoffnung.
Vielen Dank für dieses Gespräch.
Foto Baru © N. Thierry
Der Beitrag wurde
von Dirk Rehm
am 29. Dezember 2012 um 08:00 Uhr veröffentlicht.
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