Helsinki reloaded
Um es kurz zu machen: Das Comicfestival in Helsinki am letzten Wochenende war wieder ein großer Erfolg UND ein großer Spaß. Natürlich auch anstrengend und mit seinen kleinen Tiefpunkten (dazu später mehr), aber das gehört zu einem Comicfestival natürlich dazu.
(Eine Anmerkung bevor es in medias res geht: Ich werde demnächst bei Mawil einen Fotokurs machen müssen. Mit beängstigender Sicherheit zwinge ich den Zauberkasten immer wieder dazu, unscharfe oder verwackelte Bilder zu machen, wohingegen Mawil mit rund einem Zehntel der Fotomenge zehnmal ansehnlichere Fotos festhält. Nun denn.)
Nachdem in den letzten Jahren die Reisegruppe Reprodukt in unterschiedlichen Zusammensetzungen aus Sascha Hommer, Mawil, Sebastian Oehler und meiner Wenigkeit bestand, war sie im Laufe der Vorplanungen aus verschiedenen Gründen zusammengeschrumpft auf – mich. Aber ganz Abenteurer und gerne auch allein unterwegs war das natürlich kein Hindernis. Und über mangelnde soziale Kontakte brauchte ich mir auch von Anfang an keine Sorgen machen: Es begann alles am Donnerstag, als ich von meinem Gastgeber Jukka Heiskanen (Herausgeber des finnischen “Micky Maus”-Heftes, das dort nach Donald Duck “Aku Ankka” heisst und wöchentlich in einer Auflage von 324.000 Exemplaren erscheint. Nicht schlecht für ein Land mit 5 Millionen Einwohnern.) direkt vom Bahnhof zum Buchreleaseumtrunk von Guy Delisles “Aufzeichnungen aus Birma” mitgenommen wurde.
Das Buch erscheint beim Comiclabel des großen Verlagshauses WSOY, das bezüglich der Lizenzausgaben Geschmack beweist.
Der Herausgeber stellte sich später auch als sehr netter Gesprächspartner heraus. Zu WSOYs Mutterkonzern gehören im übrigen auch die größte finnische Zeitung und die größte Buchhandelskette – ein Geschäftsmodell, das Reprodukt für die Zukunft auch überdenkt.
Ebenso natürlich Guy Delisle, der interessant von seinen Reisen zu berichten weiss – in Comicform oder im improvisierten Interview. Nach dem standesgemäßen Umtrunk ging es weiter in eines der zwei Festivalzentren, das finnlandschwedische Kulturhaus G18, in dem Bilder aus Martin tom Diecks “Der unschuldige Passagier” ausgestellt wurden.
Martin tom Dieck (rechts, im Gespräch mit Festivalorganisator Otto Sinisalo) war selbst vor Ort, um die bei Daada Books erschienene gelungene finnische Ausgabe mit dem Titel “Viaton Matkustaja” zu signieren.
Der Freitag bot noch genügend Zeit für einen Abstecher ins Ateneum, dem großen Kunstmuseum Helsinkis, das über DIE Sammlung finnischer Gemälde verfügt.
Derzeit wird dort eine Ausstellung japanischer Comics (Manga) gezeigt: Hokusai und Hiroshige sind zwei talentierte Zeichner, die sich auf den klassischen Holzdruck konzentrieren, was die Ausstellung eindrucksvoll dokumentiert. Mit dieser ersten Ausstellung außerhalb Japans gab es einen wahren Hit schon vorab und außerhalb des offiziellen Festivalprogramms zu sehen. Hokusai und Hiroshige – Namen, die man sich merken muss.
In dem anderen Festivalzentrum neben dem G18, dem Gloria, galt es daraufhin die Stände aufzubauen – wobei sich herausstellte, dass von den zwei von Berlin aus geschickten Buchpaketen nur eines den Weg dorthin gefunden hatte. Das andere schlummerte in einem Postdepot und konnte trotz hartnäckiger Recherche und Telefonterror nicht rechtzeitig aufgetrieben werden. (Danke noch einmal an Marko Turunen und Otto Sinisalo für die Hilfe.) Das war ärgerlich, aber verschmerzbar – die Auswahl der vorhandenen Bücher war auch so zufriedenstellend und die Resonanz auf sie bestens.
Nette Nachbarn UND gegenüber von der Bar – das lässt über fehlende Bücher schnell hinwegsehen. Klein im Türrahmen zu sehen: Tom Gauld, der kurzzeitig auch seine kleinen Comics verkaufte, bevor es ihn zu seiner Ausstellung weiter zog.
Kraftstrotzend: Bendik Kaltenborn und Kollege von Dongery aus Norwegen mit schwedischer Unterstützung von Emelie Östergren und Kalle Johansson.
Kamerascheu: Joana und Marcus von Chili Com Carne aus Lissabon.
Souverän: Stanley Wany aus Québec präsentiert eine Anthologie finnischer und frankokanadischer ZeichnerInnen.
Ein Heimspiel: Tommi Musturi von KutiKuti aus Finnland.
Ein Blick in den großen Saal. Im Vordergrund (brauner Pullover, verwackelt): Marko Turunen am Stand von Daada Books.
Der finnische Fil nennt sich Black Peider und besticht durch stilsicheres Auftreten, dezente Posen und einen ansehnlichen Sturz von den Stühlen. Der für den Festivalsonntag angekündigte Auftritt fand dann nicht statt.
Am Abend des Samstags ging es zunächst zur Vernissage der “Kramer´s Ergot”-Ausstellung in der Muu-Gallery. Die amerikanische Anthologie hat spätestens seit ihrer vierten Ausgabe mit einer Häufung von zeichnerischem Talent für einigen Wirbel gesorgt. Die bunte, manchmal krude Mischung aus ruhig erzählten und wilden, überbordenden, knalligen Geschichten fällt dank guter Auswahl seitens des Herausgebers Sammy Harkham – der zusammen mit Anders Nilsen und dem bereits erwähntem Tom Gauld anwesend war – nicht auseinander, sondern ergänzt sich prächtig zu immer wieder überraschenden Büchern.
Neben bekanntem Material aus älteren Ausgaben gab es erstmals Bilder aus der neuen, siebten Ausgabe zu sehen, die im November erscheint und bereits seit einiger Zeit ihre Schatten vorauswirft. Ungefähr im A3-Format gedruckt, passt der Ausdruck im doppelten Sinn.
Ein Beitrag von Chris Cilla(?).
Tom Gauld schraffiert großflächig.
Tom Gauld (Detail).
Ein besonderer Hingucker: Die Seiten von Anders Nilsen, die sowohl in “Kramers Ergot” 7 als auch in seinem eigenen Heft “Big Questions” erscheinen werden. Sowohl in schwarzweiß…
… als auch in Farbe machten seine Seiten einen ungeheuren Eindruck. Zeichnerisch toll, interessante Erzählung – bingo! Und dann ist er auch noch im Gespräch nett.
Tommi Musturi im Gespräch mit Martin tom Dieck und Tom Gauld. Geschäftlich? Privat? Wir werden es nie erfahren…
Der Festivalsamstag klang dann auf der obligatorischen Party aus, wobei “ausklingen” das falsche Wort ist. Dann ging es nämlich noch einmal richtig los, wobei die Finnen dem Gastpublikum zeigten, was eine Harke ist und zur spleenigen Mischung der DJs alles gaben.
Man muss sich die Musik dementsprechend vorstellen.
Der Nerv der Finnen wird getroffen und fast jede Zurückhaltung aufgegeben. Weil die Gäste größtenteils ratlos daneben stehen, geht der Punkt auf jeden Fall an das Heimteam. Ausgelassen wurde gefeiert und getrunken und der Sonntag so zu einer anfänglich trägen Veranstaltung, dann aber zu einem würdevollen Abschluss des Festivals.
Viele Gründe finnisch zu lernen – eine Auswahl der lokalen Festivalneuerscheinungen. Wirklich, die finnische Comicszene ist engagiert und vielfältig. Es wird viel auf die Beine gestellt und verlegt – und gelesen.
Noch ein Tipp für Helsinkibesucher, die es nicht zum Festival schaffen: Der Comic- und Musikshop Pietkämies darf bei keinem Besuch fehlen. Fanzines, Comics verschiedenster Art, T-Shirts, Poster, CDs, Vinyl und noch viel mehr bietet dieser feine Laden.
Stilsicher: Das Design der Schaufenster stammt von Olivier Schrauwen.
Es war wieder sehr schön in Helsinki und der Abschied fiel trotz fortgeschrittener Abnutzungserscheinungen nicht leicht. Im Bild: Jukka Heiskanens Waldo, der geselligste und verspielteste Hund der Welt, freut sich schon auf das, was kommen mag.
Bis 2009!
Der Beitrag wurde
von Christian Maiwald
am 15. September 2008 um 23:53 Uhr veröffentlicht.
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Am 3. Oktober 2008 um 17:43 Uhr
hohohoh
those pictures of us are a must!
pure Portuguese shyness!!!
danke!
M