
Geschafft, aber glücklich. So kehrt man bestenfalls vom “Festival international de la Bande dessinée” in Angoulême zurück. Und so war es auch: Viele neue Bücher gab es zu sehen, viele alte Bekannte wurden getroffen, brillante und weniger brillante Ausstellungen besucht und natürlich wurde auch ein wenig gearbeitet. Vier Tage stand die Stadt ganz im Zeichen der Comics.
Wer sich einen allgemeinen Eindruck vom diesjährigen Festival verschaffen will, kann das sicher besser mit den Beiträgen, die auf www.graphic-novel.info gesammelt wurden. Es folgen unsere ganz persönlichen Eindrücke.

Wie immer wurde das Festival mit einem gemütlichen Abend im Restaurant des Hotels La Palma eingeläutet. Zur Linken überlegt Joost Swarte, für welchen nächsten Präsidenten er sich in der Festivaljury aussprechen soll. Johann Ulrich vom avant-verlag freut sich zwei Plätze neben ihm auf das Essen, während Bart Beaty am Wasserfläschchen schraubt. Im Vordergrund rechts: Edition Moderne-Boss und “Strapazin”-Mitherausgeber David Basler, auf magische Weise nicht mit seinem neuen Smartphone beschäftigt.

Eindeutige Highlights: Die beiden Ausstellungen von und mit Art Spiegelman sorgten bei Besuchern für Begeisterung. Köln darf sich freuen, wenn die Spiegelman-Retrospektive in einigen Monaten im Museum Ludwig gezeigt wird.

“Raw”, das von Art Spiegelman und seiner Frau Francoise Mouly herausgegebene Magazin, fehlte da natürlich nicht. Darin wurden unter anderem auch Geschichten von Julie Doucet und Charles Burns veröffentlicht. Letzteren trafen wir übrigens am Bahnhof in Paris. Fotos aus dem TGV-Bistro halten wir unter Verschluss, es soll ja nicht herauskommen, dass er gar keine düstere Erscheinung ist, sondern ein freundlicher und umgänglicher Mensch.

Die von Art Spiegelman selbst kuratierte Ausstellung “Le Musée privée” zeigt die Comicgeschichte aus seiner Sicht. Großartige Exponate. Punkt.

Liegende Blätter: Töpffer! Busch! Reinicke! Feininger! Gulbransson! Für Spiegelman beginnt die Comic-Historie nicht mit den klassischen Comic-Strips in Zeitungen. Auch den Einfluss deutscher Zeichner bei der Entstehung der Kunstform lässt er nicht außer Acht.

Dan Clowes darf natürlich nicht fehlen, wenn es um amerikanische Independent-Comics geht.

Journalist Klaus Schikowski und Ehapa-Redakteurin Alexandra Germann ruhen sich ob der Bilderflut aus. Sitzecken und Leseexemplare gehören zum festen Bestandteil der Ausstellung. Gut so!

Direkt nebenan werden in einer separaten Ausstellung Comicseiten vieler Zeichnerinnen und Zeichner deren großformatigen Gemälden gegenüber gestellt. Häufig zeigten die Schinken mehr die Stärken der einzelnen Beteiligten als Comiczeichner. Oder wie hier bei ATAK, dass es kein so großer Schritt vom Einen zum Anderen ist.

Atmosphärisch dicht, souverän komponiert: Die zweifellos überzeugendsten Beispiele im Großformat stammten von Anke Feuchtenberger.

Vor dem CNBDI haben wir einen Herrn Oehler versteckt. Wer kann ihn finden?

Ein weiterer Lichtblick: Die schöne Kurzgeschichte von Camille Jourdy hing in der Europa-Ausstellung und lässt sich auch auf ihrem Blog nachlesen.

Und noch ein Highlight: Originalseiten von Max’ “Bardín der Superrealist” in der Ausstellung über spanische Comics.

Nicht zu unterschätzen für die Stimmung auf einem Festival: Das Wetter. Trotz bedrohlicher Wolken war es weitgehend gnädig und setzte hier und da gerne selbst einen farblichen Akzent.

Immer wieder schön zu sehen, wie sich Comics in der ganzen Innenstadt finden lassen. Marc-Antoine Mathieu wäre natürlich nicht Marc-Antoine Mathieu, wenn er die Wand, auf der seien Motive gemalt wurden, nicht selbst zum Teil seiner kurzen Geschichte gemacht hätte.

Dummerweise habe ich kein Foto vom deutschen Independent-Stand gemacht. Aisha Franz und Till Thomas zeigten die neuesten Treasure Fleet-Preziosen, Marlene Krause hatte unter anderem “Two Fast Colour” Nummer 4 im Gepäck und Sascha Hommer repräsentierte das “Orang”. Nun denn.
Hier zumindest der Festival-Derwisch Brecht Evens am Ende seines viereinhalb Stunden dauernden Signiermarathons. Neben ihm der sympathische Paul Hornschemeier, dessen Comics hierzulande bei Carlsen erscheinen. Hallo, Paul!

Kein Festival ohne Foto des Pressesaals. Hier wird beinharter investigativer Journalismus gearbeitet. Aber man sollte sich vom luxuriösen Ambiente nicht täuschen lassen: Der Saal – in dem aktiv Imagewerbung für die weitere Spezialität der Region Cognac gemacht wird – ist im Wesentlichen eine feudale Kneipe mit WLAN.

Kein Festival ohne Geselligkeit, wie hier bei der Party des Flämischen Literaturfonds (VfL), der auch schon unsere Bücher förderte. Es gab Fingerfood und Soul, was braucht man mehr?

No Comprendo-Verleger Espen Holtestaul aus Norwegen entlockt Grants Manage Els Aerts Geheimtipps zum Förderantrag…

… die ihm Christian Maiwald wiederum Kraft des eigenen Geistes entlocken will (erfolglos).

Im Anschluss (an jede abendliche Aktivität) entspannen sich die Raucher vor einer stadtbekannten Kneipe in der Kälte. Und die Nichtraucher zwangsläufig auch. Eine Frechheit.
… und dann ging es auch schon wieder zurück. Voller Eindrücke und Inspiration, aber trotzdem urlaubsreif. Bis zum nächsten Jahr!