Unter der Überschrift “Wie heißt das Zauberwort?” ist vor ein paar Wochen in der “Süddeutschen Zeitung” ein Artikel von Thomas von Steinaecker erschienen, in dem sich der Schriftsteller und Kritiker dem zwanzigsten Geburtstag von Reprodukt widmete (online leider nicht verfügbar). In Vorbereitung zu diesem Artikel hat Thomas von Steinaecker mir im Januar dieses Jahres eine Reihe von Fragen gestellt, die ich mit freundlicher Genehmigung wiedergeben darf (die Antworten natürlich auch). Hier also etwas Lesestoff für die Osterfeiertage:
Hat sich die Arbeitssituation in der Bülowstraße seit meinem Praktikum 2007 verändert oder seid ihr immer noch zu dritt in dem Büro im Hinterhof?
Die Arbeitssituation hat sich verändert: Wir haben das Lager mittlerweile geräumt und nun nur noch ein kleines Handlager übrig, aus dem wir Kundenbestellungen bearbeiten. Dafür haben wir mittlerweile sieben Arbeitsplätze eingerichtet – für Presse (Jutta Harms), Vertrieb (Sebastian Oehler), Redaktion (Michael Groenewald), Herstellung (Christian Maiwald & Minou Zaribaf) und zwei wechselnde Praktikanten.

Wie kamst du zum Comic – privat und beruflich?
Ich bin mit Comics aufgewachsen, Erzählen in Bildern hat schon immer eine Faszination auf mich ausgeübt. Von “Micky Maus” und “Fix & Foxi” über “Zack”, Underground-Comics oder “Schwermetall” war ich wohl Teil der ersten Generation von Comiclesern, für die sich auch die Inhalte der Comics parallel entwickelt haben. Was mein Interesse an Comics angeht, gab es sicher die eine oder andere Pause, aber dann war immer wieder etwas zu entdecken, das zeichnerisch, erzähltechnisch oder inhaltlich in neue Dimensionen vorgestoßen ist und mein Interesse wieder neu entfacht hat. So bin ich auch früh auf die amerikanischen Independent-Comics der Achtzigerjahre gestoßen, also “Love & Rockets”, “Eightball”, etwas später “Yummy Fur” und “Dirty Plotte”, in denen ich eigene Erfahrungen, den eigenen Lebensentwurf wiederentdeckt habe. Und das war die Motivation, mit dem Verlegen dieser Comics in deutscher Sprache zu beginnen.
Dein Lieblingscomic überhaupt? Warum?
Auf einen einzigen Lieblingscomic kann ich leider nicht reduzieren. Für mich leuchten immer wieder Comics aus der Masse hervor: etwa “Der Tod von Speedy”, “Wie ein samtener Handschuh…”, die ersten Kapitel von Andreas Michalkes “Smalltown Boy”, “Wir können ja Freunde bleiben”, “676 Erscheinungen von Killoffer” und viele mehr… Zuletzt “Browntown” von Jaime Hernandez.
Wie kam es zur Gründung des Verlages? Woher kommt der Name?
An dem Namen gefiel mir der Klang – die drei Vokale – und die Konnotation: Schließlich sind Comics Reproduktionen von Zeichnungen, die schon in Hinblick auf die spätere Reproduktion gedacht und gefertigt werden. Und gerade die ersten Comics, die wir verlegt haben (Los Bros Hernandez, Daniel Clowes, Julie Doucet) unterscheiden sich im Original nur geringfügig von der Reproduktion im Buch.
Was war damals die Situation von Comics in Deutschland im internationalen Vergleich?
1991 waren frankobelgische Alben sehr präsent auf dem deutschen Markt. Superhelden-Comics erschienen in verstümmelter Form beim Condor Verlag, Manga wurden noch nicht im Taschenbuchformat, sondern in kleinformatigen Alben veröffentlicht. Amerikanische Independent-Comics waren in Deutschland praktisch nicht vorhanden. Vergleichbar begann aber auch in Frankreich die Trendwende hin zu schwarz-weißen Comics und kleineren Formaten erst zu Beginn der Neunziger als L’Association und Cornelius angefangen haben, zu veröffentlichen.
Ab wann kam die Trendwende in Sachen Comics in Deutschland? Ging das langsam oder hing das an einem Titel?
Die Trendwende hin zur breiteren Anerkennung von Comics? Die Trendwende vollzieht sich langsam. Die allgemeine Aufwertung, die Comics erfahren haben, sind meiner Meinung nach nicht allein an einem Titel festzumachen. Aber die Aufmerksamkeit, die “Persepolis” erhalten hat, hat natürlich schon eine große Rolle gespielt. Nur gab es 2004, als “Persepolis” in Deutschland erschienen ist, schon qualitativ hochwertiges Material, das man diesem Titel an die Seite stellen konnte (Tardi, Hernandez, Clowes, Burns etc.). In den Achtzigern war “Maus” noch allein auf weiter Flur.
Hat sich das Profil des typischen Comiclesers verändert?
Ich denke, es gibt schon lange nicht mehr den einen, “typischen” Comicleser, sondern ein sehr breites Publikum, das sich in vielen unterschiedlichen Interessengruppen definiert. So gibt es den Sammler, den eher etwas älteren Fan von frankobelgischen Fantasycomics, junge Manga-Leserinnen, Leserinnen, die den Inhalten der Manga für ein jugendliches Zielpublikum entwachsen sind und die vielleicht mittlerweile “Graphic Novels” lesen. Oder es gibt Leserinnen und Leser, die sich für bestimmte Themen kultureller oder politischer Natur interessieren, die sie nun auch in Comics vorfinden.
Macht sich der Comic-Boom bei Reprodukt bemerkbar?
Einen “Boom” können wir nicht wirklich feststellen, aber das Interesse ist in den letzten Jahren definitiv gewachsen. Und das wiederum bedeutet, dass wir die Erstauflagen gerade der umfangreicheren Comics anheben konnten, was die Kalkulation leichter macht und generell das Risiko bei den Buchproduktionen gemindert hat.

Nach welchen Kriterien wählt Reprodukt seine Künstler aus? Oder anders: Was ist das Verlagsprofil? Ist die HAW der erste Ort, um hiesige Künstler zu suchen?
Ein wichtiges Kriterium für uns ist, dass der Autor hinter der Geschichte – seine Vorlieben, seine Obsessionen, sein Wesen – in einem gewissen Maße transparent sind. Wir wollen von Zeichnungen und Geschichte begeistert werden. Ein Hauptaugenmerk liegt dabei aber auf dem narrativen Moment. Uns interessieren Comics, in denen persönliche, möglichst einzigartige Geschichten erzählt werden. Comics, die allein die Form voranbringen wollen, aber keinerlei inhaltliche Aussage haben, passen nicht in unser Programm – genauso wenig wie Genrecomics, die in einem eher klassischen, populären oder gefälligen Zeichenstil realisiert wurden. Wir sind ein Verlag der – wenn man nach gängigen Kriterien urteilt – mit Vorliebe schlecht gezeichnete Comics veröffentlicht.
Zeichner, die uns interessieren, lernen wir zumeist bei Festivals kennen. Häufig sieht man sich über einen längeren Zeitraum immer wieder und kommt dann ins Gespräch, beschließt, gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten. Auch auf Studenten oder ehemalige Studenten der HAW, an der Anke Feuchtenberger und Bernd Mölck-Tassel Illustration lehren, werden wir in der Regel über ihre Präsenz auf Comicfestivals aufmerksam. Viel Geld verdienen lässt sich mit Comiczeichnen nach wie vor nicht, aber uns liegt daran, dass die deutschen Comiczeichner, die wir verlegen, eine Zukunft in ihrem Metier sehen und einen langen Atem zu beweisen vermögen. Daher braucht es meist mehrfachen Kontakt, bevor wir uns entschließen, einen Zeichnerin oder einen Zeichner zu verlegen. Auch bei Hendrik Dorgathen in Kassel, bei ATAK in Halle oder bei Martin tom Dieck in Essen präsentieren sich mehr und mehr überzeugende junge Talente.

Was ist das auflagenstärkste Buch? Was sind die durchschnittlichen Auflagen? Könnt ihr / kannst du vom Verlag leben?
Die Erstauflagen rangieren in der Regel zwischen 2.000 und 5.000 Stück. Zu den höchsten Auflagen zählen die Comics von Fil, Band 1 von “Didi & Stulle” hat mittlerweile eine Gesamtauflage von 16.000 Stück erreicht, “Mumins” 1 rangiert bei 9.000 Stück, “Baby’s in Black – The Story of Astrid Kirchherr & Stuart Sutliffe” bei 8.000 Stück…
Sagen wir mal so: Mittlerweile können einige von uns von der Arbeit für den Verlag die Basis für den Lebensunterhalt bestreiten. Wir machen aber auch alle noch nebenbei andere Jobs als freie Grafiker, Hersteller, Lektoren etc. Als Dienstleister haben wir etwa “Breakdowns” für S. Fischer oder “Fun Home” für KiWi produziert.
Gab es Durststrecken oder Krisen in den 20 Jahren? Dachtest du ans Aufhören?
Durststrecken gehören beim Veröffentlichen von Comics wohl fast schon notwendig dazu. Über die zwanzig Jahre Verlagsarbeit gab es davon einige… Am Schwierigsten war vermutlich die Zeit um das Jahr 2000 herum, als auch Jochen Enterprises die Segel gestreckt hat und klar war, dass mit Heftserien von deutschen Independent-Zeichnern kein nennenswertes Publikum zu erreichen ist.
Erst ein paar Jahre später ging es mit der Veröffentlichung von modernen frankobelgischen Albenreihen wie “Isaak der Pirat” oder “Der alltägliche Kampf” langsam wieder bergauf.
Wie siehst du die Zukunft des deutschsprachigen Comics – in kommerzieller und in künstlerischer Hinsicht?
Derzeit zeigen sich überall junge Talente, und ich denke, wir werden dieses Jahr an so viele neue Projekten von bislang weit gehend unbekannten Zeichnern arbeiten wie nie zuvor. Die hervorragende Arbeit der oben erwähnten Dozenten und Professoren, die an deutschen Hochschulen Comic und Illustration lehren, legt eine gesunde Basis dafür. Und mehr denn je gibt es Möglichkeiten über Veröffentlichungen in Magazinen und Tageszeitungen vom Comiczeichnen leben zu können. Im Ausland finden Independent-Comics von deutschen Zeichnern viel Beachtung. In künstlerischer Hinsicht steht uns daher mit Sicherheit eine sehr spannende Zeit bevor.

Auch in kommerzieller Hinsicht erschließen sich neue Perspektiven, wie die jüngsten Arbeiten von Arne Bellstorf, Reinhard Kleist, Isabel Kreitz oder Barbara Yelin beweisen. Comics von deutschen ZeichnerInnen zu spezifisch deutschen Themen dürften mit Sicherheit auch in Zukunft Aufmerksamkeit erzeugen.
Warum wurde man mit dem Flyer und der Homepage nicht früher aktiv?
Wir sahen vor dem Start der Website graphic-novel.info im Januar 2008 keine Notwendigkeit dafür. Schließlich haben wir aber entschieden, dass es Sinn macht, den Begriff in eigener Initiative mit Inhalt zu füllen. Wir wollten versuchen, wenigstens ein Stück weit Deutungshoheit über etwas zu bewahren, das wir seit zwanzig Jahren unter einem anderem Namen zu etablieren versucht haben.
Gibt es Konkurrenz zu Avant, Edition Moderne oder Carlsen und den Literaturverlagen, die jetzt Comics machen, oder ist das Verhältnis kollegial? Wolltet ihr zum Beispiel auch gerne den neuen Clowes machen und wurdet von Eichborn überboten?
Es gib eine freundschaftliche Konkurrenz zu den Comicverlagen, mit der Edition Moderne sogar eine engere Zusammenarbeit in einer Vertriebskooperation mit den gleichen Vertreterinnen und der LKG, die in den Buchhandel ausliefert. Unter den Comicverlagen herrscht ein stillschweigendes Übereinkommen, die Bücher der Autoren der jeweils anderen Verlage nicht anzutasten – es sei denn in Absprache.
Diese Kollegialität besteht in Einzelfällen auch mit den Literaturverlagen. Dort, wo man im Gespräch ist, gibt es in der Regel keine großen Probleme. Bei “Wilson” hatten wir Vorkaufsrecht (wie bei allen Titeln, die im Original bei Drawn & Quarterly erscheinen), haben uns aber entschieden, keine den zu erwartenden Verkaufszahlen gegenüber unrealistisch hohe Vorschusszahlung bieten zu wollen. “The Death-Ray” erscheint in Übereinkommen mit Daniel Clowes und D&Q jedoch wieder bei Reprodukt.

Abbildungen:
* “Love & Rockets” 35 von Los Bros Hernandez · “Dirty Plotte” 3 von Julie Doucet · “Yummy Fur” 22 von Chester Brown
** La Llorona aus “Der Tod von Speedy” von Jaime Hernandez
*** “Somnambule” von Anke Feuchtenberger
**** “Didi & Stulle” 1 von Fil · “Mumins” 1 von Tove Jansson · “Baby’s in Black” von Arne Bellstorf
***** “Isaak der Pirat” von Christophe Blain
****** Vorstudien zu “Carmilla” von Dominik Kolodzie & Thomas Wellmann
******* “Eightball” 23 von Daniel Clowes