Am letzten Wochenende startete eine Delegation von Reprodukt zum kleinen, feinen Comicfestival ins polnische Łódź (sprich: Wudsch, mit stimmlosem “W”). Nach mehrfacher Empfehlung war es nun Zeit, sich selbst ein Bild vom Festival und der polnischen Comicszene zu machen. Also machten sich Christian “Fotograf” Maiwald, Sebastian “Kartenspielkönig” Oehler und Markus “Mawil” Witzel.

Trotz zwischenzeitlichem Umstieg in einen Autobus und Transport durchs polnische Hinterland verlief die Hinfahrt denkbar ruhig.

Der lebende Beweis, dass Comicmacher auch nicht nur Comics lesen. Akademisch unterfütterte Distinguiertheit lässt sich immer noch sehr gut mit Suhrkamp-Taschenbüchern verstärken.

Das Kulturzentrum bildet mit dem Hotel Central und dem daneben gelegenen ehemaligen Textilimpex-Gebäude ein Dreieck, das für denkbaren Erreichbarkeitskomfort sorgte. Wer einmal während der Frankfurter Buchmesse außerhalb der Mainmetropole untergebracht war, wird die kurzen Wege besonders zu schätzen wissen.

Im Kulturzentrum: Mehrere Ausstellungsräume, ein Kino (neben Filmvorführungen auch Ort für Podiumsgespräche) und die Festivalleitung. Hier zu sehen ist die Ausstellung polnischer Nachwuchskünstler. Die Comicszene in Polen ist lebendig und die Comics selbst sehr abwechslungsreich. Sehr beliebt: Groteskes, Science Fiction und Fantasy in verschiedenen Anteilen. Das macht viele Comics weniger Reprodukt-kompatibel, aber nicht weniger sehenswert.

Das Textilimpex-Gebäude beherbergte die Verlagsstände und weckte Assoziationen an die Örtlichkeiten in Erlangen.

Auch wenn das Gebäude weit davon entfernt war, wegen Überfüllung geschlossen werden zu müssen, war der Andrang doch stetig und das Interesse an den Reprodukt-Titeln erstaunlich hoch. Im nächsten Jahr werden mehr der wortlosen Titel eingepackt, versprochen!

Verlagsbuddys auch in Polen: Mawil und Guy Delisles Bücher werden in Polen vom selben Verlag veröffentlicht: Kultura Gniewu (Kultur des Zornes).

Vom Namen sollte man sich nicht fehlleiten lassen: Die Leute hinter Verlag und Verkaufstischen erweisen sich als nette Standnachbarn. Herausgeber Szymon Holcman (rechts) kümmert sich aufopferungsvoll um das Reprodukt-Team, sorgt sich um organisatorische Angelegenheiten und bringt uns noch in ein Retrorestaurant mit lokaler Küche. Leckeres Essen und Synthie-Folklore, die noch Tage später im Ohr hängt. Auch vom Verlagstisch sollte man sich übrigens nicht täuschen lassen: Von den beiden Festivalneuerscheinungen (Mawils “Wir können ja Freunde bleiben” und Guy Delisles “Aufzeichnungen aus Burma”) werden am ersten Festivaltag jeweils 150 Stück unter die Leute gebracht – beachtlich!

Auch das Fernsehen berichtete über das Festival und wenn man auch nicht mit uns sprechen konnte, wollte man wenigstens unsere Bücher zeigen. Recht so!

Zumindest von der Ankündigung her ein Highlight: Die Ausstellung mit Originalen Milo Manaras. Wenig Comics, viele großformatige Bilder.

Ebenfalls Festivalgäste: Nicolas Robel und Martin tom Dieck, deren neuen Bücher bei Ladida Books erschienen sind. “Der unschuldige Passagier” macht gerade scheinbar eine Runde durch Europa…

Ladida Books-Verleger Hans Lijklema erweist als angenehmer Gesprächspartner, nicht nur auf der Messe, sondern auch auf dem einleitenden Eröffnungsabend. Die Reprodukt-Delegation wird von der VIP-Behandlung ziemlich überrascht, lässt sich aber gerne zum zweiten Mal an einem Abend mit einem Menü bewirten.

Beim Nachtisch(!) müssen wir dennoch passen.

Natürlich gibt es auch hier eine Festival-Bar, die zum abendlichen Treffpunkt aller ausgehwilligen TeilnehmerInnen wird.

Highlight des Samstag-Abends: Der Miss Comic-Zeichenwettbewerb, bei dem Zeichner aus dem Publikum gebeten werden, spontan einen Beitrag in Form einer wohlgefälligen Dame aufs großformatige Papier zu bringen. Spontan? Papier? Ein Fall für…

… Mawil, der sich dann gegen die gesamte Konkurrenz durchsetzen kann und ein Auto(!) gewann.

Seine “Festivalschönheit”, aufgrund eines Missverständnisses der Zeitbegrenzung von 10 Minuten (“you can start in 10 Seconds”) in bemerkenswerten rund 8 Sekunden aufs Papier geworfen, gefiel dem Applausometer einfach am Besten.

Übersetzerin, Organisatorin und offizielle “Um-Reprodukt-Belange-Kümmererin” seitens des Festivals: Die bezaubernde Ewa Stepien. Danke für alles!

Das Besondere an diesem Sieg war die Konkurrenz, die Mawil in Grund und Boden zeichnete: Milo Manara (links) und Kollege Jean “Moebius” Giraud…

..und auch Grzegorz Rosiński (“Thorgal”)…

…hatten keine Chance gegen Mawils geballte Charmeoffensive.

Wenn sich Comicfestivals in einem gleichen, dann scheinbar in der spleenigen Auswahl der Musikacts (siehe Reisebericht Helsinki). Die dargebotene Mischung aus Eurodance und Hiphop lud jedoch nicht wirklich zum langen Verweilen ein.

Mawils Gewinnerwagen (ein echter Aston Martin!) machte sich am Sonntag nicht schlecht als Standdeko.

Von der Verlagsvorstellung auf dem Podium gibt es leider keine Fotos – es waren eben alle auf der Bühne. Nach dem offiziellen Festivalende fand sich als Ausklang noch Zeit für einen gemütlichen Spaziergang durch Haupt- und Nebenstraßen der schicken Stadt.
Tolle Stimmung, prima Leute, nettes und aufgeschlossenes Publikum – wieder hat es große Freude gemacht, ein Comicfestival zu besuchen und ein Besuch im nächsten Jahr ist mehr als wahrscheinlich.

Für die Reisegruppe Reprodukt war es, um einen Helvetismus zu bemühen, eine gefreute Sache und wie man sieht wurden auch die längeren Bahnahrten zum male bonding genutzt. Alles prima!