20 Jahre Reprodukt | 1991 vs. 2011
Für die aktuelle Ausgabe des Berliner Stadtmagazins “Zitty” (legendär für die Entdeckung von Fil, OL und vielen anderen bekannten Berliner Comiczeichnern) musste ich Lutz Göllner die folgende Frage beantworten: “Was ist der Unterschied zwischen dem ersten und dem aktuellen Verlagsprogramm von Reprodukt?” Zur Antwort, die in der “Zitty” knapp 800 Zeichen umfasst, gibt es nun auch die folgende, etwas ausführlichere Fassung, die zugleich ein Schlaglicht wirft auf Produktionsbedingungen, die aus heutiger Sicht vorsintflutlich anmuten – aber gerade einmal zwei Jahrzehnte zurückliegen.
1991 ist mit “Der Tod von Speedy” das erste Buch bei Reprodukt erschienen – gleichzeitig das erste Buch der “Love & Rockets”-Saga von Los Bros Hernandez in deutscher Sprache.
Als ich 1991 “Der Tod von Speedy” produziert habe, wurden beinah alle Arbeitsschritte von mir allein bestritten – von Ankauf der Lizenz über die herstellerische Arbeit am Buch bis hin zur Werbung. Es gab einen Übersetzer – Oliver Köll – und drei Grafiker, die bei der Gestaltung Hilfestellung geleistet haben – Herbert Müller und das Grafikbüro Ra: Petra Wehling und Arne Thaysen – sowie einen Vertrieb – Detlev Wahl hatte gerade Hummelcomic gegründet und bot mir an, das Buch in den Handel auszuliefern. Die grafische Arbeit am vierfarbigen Cover wurde schon damals am Computer gemacht, aber die einzelnen Arbeitsschritte waren sehr zeitaufwändig und mühsam.
Spätestens nach der Fertigstellung des Letterings begann die Kleinarbeit: Die auf Papier geschriebenen Texte, wurden einzeln, Sprechblase für Sprechblase, ausgeschnitten und die Texte der amerikanischen Originalvorlage damit überklebt. Danach galt es, unter den deutschen Texten überstehende Fragmente des ursprünglichen Letterings mit Tipp-Ex zu überdecken.
Im nächsten Schritt ging es in die Litho der Hochschule für Bildende Künste Hamburg, um die Druckvorlagen anzufertigen, von denen später die Druckplatten belichtet wurden. Dazu wurden jeweils zwei Comicseiten nebeneinander auf das Stativ der Reprokamera gelegt, und mit der Reprokamera auf Film festgehalten. Bei etwa drei Minuten Belichtungszeit plus Ein- und Auslegen hat man für ein Buch von 124 Seiten gut zwei Tage im Fotolabor der Hochschule verbracht.
Anschließend mussten die Filme von Schatten und Schnittkanten in den Sprechblasen und im Layout gesäubert werden. Dazu wurden sie einer aufwändigen Retusche unterzogen, Flecken mit dem Skalpell weggekratzt, Blitzer mit roter, lichtundurchlässiger Farbe überdeckt – eine Arbeit, die noch einmal mehrere Tage in Anspruch nahm. Erst dann konnten die Filme zur Druckerei gebracht werden, wo die Vorlagen auf die Druckplatten übertragen wurden. Rückblickend kein Wunder also, dass wir zunächst nur ein oder zwei Bücher im Jahr gemacht haben. Es hat schlicht eine Ewigkeit gedauert, bis ein Band aus der Reihe “Love & Rockets” von Los Bros Hernandez oder “Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln” von Daniel Clowes druckfertig war, schließlich umfasste jeder dieser ersten Comics mehr als hundert Seiten.
2011 werden inklusive Neuauflagen etwa 50 Comics bei Reprodukt erscheinen, die Seitenzahl variiert dabei zwischen 32 und 672 Seiten. Heute veröffentlichen wir also zwischen fünfundzwanzig und dreißig Titel im Halbjahr – die digitale Revolution macht’s möglich.
Und viel mehr Hände, die an den Comics arbeiten: mit Minou Zaribaf und Christian Maiwald zwei Mitarbeiter in der Herstellung; mit Marion Jaiser und Sebastian Oehler zwei Mitarbeiter im Vertrieb; mit Jutta Harms eine Frau für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit; mit Heike Drescher und Michael Groenewald zwei Redakteure, die eine Unzahl Titel zu betreuen haben und daneben noch den Projekten von deutschen Zeichnern zur Seite stehen. Nicht zu vergessen die vielen freien Mitarbeiter und wechselnde Praktikanten aus Hochschulen von Marburg bis Leipzig, die in allen Bereichen unersetzliche Hilfestellung leisten.
Entscheidungen, die ich früher allein gefällt habe, werden heute in der Gruppe diskutiert und entschieden. Jeder Mitarbeiter trägt Ideen und Projekte zur Gestaltung des Verlagsprogramms bei, so dass das Profil des Verlags heute vermutlich von Außen betrachtet weniger homogen erscheint als noch vor etwa zehn Jahren. Trotzdem versuchen wir unserer Linie treu zu bleiben und veröffentlichen Comics, für die wir uns begeistern.
Der Beitrag wurde
von Dirk Rehm
am 22. September 2011 um 07:00 Uhr veröffentlicht.
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